Stellungnahme zum in der April-Ausgabe der "Pegasus" erschienenen Artikel

Leider hat die Zeitschrift Pegasus einen von mir verfassten Artikel mit einer Überschrift und einem Vorwort versehen,welche ich weder geäußert habe noch jemals äußern würde.

Der Grundgedanke des Artikels war, Frieden zwischen den leider entstandenen Fronten zu stiften. Durch die in der aktuellen Ausgabe erschienene Einleitung ist diese Absicht völlig verfälscht worden, was jedoch nicht mein Verschulden ist.

Ich bedauere diese Verfremdung sehr und entschuldige mich öffentlich bei Dr. Gerd Heuschmann, den ich entgegen der Darstellung für besonders flexibel halte und der ein großer Vorkämpfer für das Wohl des Pferdes ist.

Die von der "Pegasus" verfasste Einleitung sowie die Überschriftt verändern die ursprüngliche Intention des Artikels, welcher deutlich versöhnlich gemeint ist. Dies wird der aufmerksame Leser feststellen.

Der Vorfall lehrt mich, mit der Presse vorsichtiger umzugehen.

Christiane Horstmann

Hier können Sie den von mir verfassten Originaltext lesen:

„Wer einen festen Standpunkt hat, der sieht niemals den gesamten Horizont.“ Dieses Motto gilt für mich auch in der Reiterei. Feste, starre Standpunkte verengen den Blickwinkel. Vielfalt ist für mich ungeheuer wichtig. Mich ärgert es, wenn bestimmte Reitweisen von vornherein negativ beurteilt werden, ohne intensive Auseinandersetzung damit. Aus diesem Grund habe ich auch die Ausbildung bei Philippe Karl begonnen und absolviert. Ich war mit meiner bisherigen Ausbildung in keinster Weise unzufrieden und verspürte keinen Leidensdruck, irgendetwas an meiner Reitweise grundlegend zu ändern. Ich war 16 Jahre Reitschülerin Richard Hinrichs und ich bin ihm für jede einzelne Unterrichtsstunde dankbar. Parallel dazu habe ich die FN Ausbildung zum Trainer B und Pferdewirt absolviert. Ich habe mich aus reiner Neugierde für die Ausbildung zur lizensierten Trainerin der Ecole de Legerete angemeldet und habe diese im Sommer 2007 erfolgreich abgeschlossen. Auch ich hatte am Anfang der Ausbildung große Fragen und Zweifel an dem, was ich sah und hörte. Mehr als einmal dachte ich: „Das darf doch nicht sein. Das kann nicht funktionieren.“ Aber ich musste zu meiner großen Verwunderung feststellen: Es funktionierte – und zwar hervorragend.

Von daher habe ich in gewisser Weise Verständnis für die FN. Denn vieles, was Herr Karl lehrt, klingt fremd. Aber Reiter sollten keine Scheu vor Neuem und Unbekannten haben. „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.“ Von dieser Engstirnigkeit sollten sich Reiter frei machen. Und dass geschieht am besten dadurch, dass man anderes ausprobiert den anderen kennen lernt. Dann ist das Fremde gar nicht mehr so fremd, man kann es sogar verstehen und erst dann ist ein fundiertes Urteil möglich. Das ist zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen so, das ist aber auch so zwischen verschiedenen Reitweisen. Statt zu verurteilen, sollte man lieber miteinander reden. Mir hat die Auseinandersetzung mit der Schule der Legerete auf jeden Fall ungeheuer viel gebracht. Philippe Karl hat mein Reiten enorm bereichert und er hat mich gezwungen, bisher Gelerntes kritisch zu hinterfragen. Das kommt meinen Pferden und meinen Reitschülern zu Gute. In vielen Situationen, in denen ich früher hilflos gewesen wäre und deshalb vielleicht grob geworden wäre, habe ich heute – dank des neu erworbenen Wissens – Alternativen.

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass Philippe Karl „das Rad“, sprich die „Reitweise der Legerete“ nicht neu erfunden hat. Diese Reitweise geht zurück auf die Lehren Bauchers (1796-1873). Auch damals lösten dessen Ideen und Ansätze heftigste Diskussionen aus. Eine Auseinandersetzung mit dieser Geschichte ist auf jeden Fall eine spannende Angelegenheit, da die damals vorgebrachten Argumente denen von heute sehr ähneln. Philippe Karl hat dieses Wissen für unsere Zeit wiederentdeckt und belebt.

Es gibt natürlich wesentliche Unterschiede zwischen der modernen Dressurreiterei und der Schule der Legerete. Zunächst geht Herr Karl davon aus, dass es mit jedem Pferd möglich sei, Dressur zu reiten, während es eigentlich mittlerweile üblich ist, sich für das Dressurreiten ein Dressurpferd, fürs Gelände ein Geländepferd und zum Springen ein Springpferd zu kaufen. Diese unterschiedlichen Ausgangspunkte erschweren ein Gespräch zwischen den leider entstandenen Fronten. Ein oft gemachter Vorwurf ist es, dass Herr Karl die Ausbildungsskala der FN ablehne. Das halte ich allerdings für ein Missverständnis. Auch Reiter der Legerete müssen ihre Pferde taktrein, losgelassen, in guter Anlehnung, im Rahmen ihrer Möglichkeiten so schwungvoll wie es geht reiten, natürlich geradegerichtet und versammelt. Alle Punkte der Ausbildungsskala haben Gültigkeit. Aber es handelt sich um Ziele und der Weg, diese Ziele zu erreichen, ist ein klar definierter. Dieser Weg ist ein sehr gut durchdachter Ausbildungsplan, der auf jedes Pferd anwendbar ist und auf einem Zusammenspiel von Vertrauen, Impulsion, Entspannung und der Balance des Pferdes aufbaut.

Die Schule der Legerete gibt dem Reiter eine Vielzahl von Hilfen an die Hand. Das Pferd wird geschult durch unterschiedliche Körperhaltungen verschiedene Balancezustände und Spannungs- oder Entspannungszustände einzunehmen. Dafür stehen dem Reiter sehr exakte Hilfen oder besser gesagt, Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung. Diese Hilfen lernt das Pferd zunächst am Boden, Vielen bekannt als Abkau- und Biegeübung, und - sobald es diese verstanden hat und umsetzen kann – auch in der Bewegung. Zunächst selbstverständlich in der langsamen Bewegung und mit zunehmender Sicherheit auch im Trab und im Galopp. Seitdem ich junge Pferde so ausbilde, habe ich wesentlich weniger Probleme, mich ihnen mitzuteilen. Die Pferde verstehen ihre „Vokabeln“, die Hilfen, und sind nicht überfordert. Auch hier gilt, sobald das Pferd signalisiert, dass es Verständnisschwierigkeiten hat, muss der Ausbilder wieder einen Schritt zurück. So gibt es zum Beispiel für eine gewünschte Hals-Kopfposition klare Hilfen, die der Mensch dem Pferd über den Zügel geben kann. Ich kann dadurch z. B. dem Pferde sagen: Öffne das Genick, nimm die Nase ein wenig vor, oder nimm den Kopf höher. Voraussetzung für das Umsetzen dieser Hilfen ist das empfängliche, kauende Maul, was ich durch eine auf Reflexen basierende Zügelhilfe abrufen kann. Ein wesentlicher Unterschied zu meinem bisher gelernten Reiten ist, dass jedes Pferd zu Beginn seiner Ausbildung verstehen muss, dass der Kontakt zur Reiterhand aufgenommen wird durch Kauen und ein Vorgehen der Nase, also ein An-den-Zügel-Strecken. Auch daran stoßen sich viele Betrachter dieser Reiterei. Doch dieses Vorgehen ist logisch und sehr gut nachvollziehbar. Es ist einfach für das Auge des Betrachters sehr ungewohnt. Undifferenziertes Hantieren am Zügel gibt es bei Philippe Karl nicht. Und die so häufig kritisierte und diskutierte „Hohe Hand“ ist beileibe nicht die einzige Hilfe der Legerete, sondern eine unter mehreren. Selbst meinen jungen Reitschülern vermittele ich diese Hilfen, Voraussetzung dafür ist unabdingbar ein handunabhängiger Sitz, eine ruhige Hilfengebung und Einfühlungsvermögen. Aus diesem Grund vermittle ich diese Hilfengebung erst, wenn die Voraussetzungen für eine korrekte Umsetzung gegeben sind. So ist es aber auch schon vielen Kindern meiner Reitschule zu jeder Zeit möglich, die Pferde zum Kauen zu animieren und in Dehnungshaltung zu schicken.

Es ist sehr schade, dass häufig in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es handele sich bei der Reitweise von Philippe Karl um Hand-dominierte Reiterei, denn Herrn Karl legt großen Wert auf Hilfengebung durch den Sitz und Schenkelgehorsam. Ich möchte an dieser Stelle nicht die komplette Lehre Herrn Karls erklären, dafür ist er selbst der bessere Ansprechpartner; und jedem Interessierten helfen bestimmt auch sein Buch und seine Filme weiter.

Für meine eigene Reiterei ist dieses Wissen eine große Bereicherung, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte. Wie bereits erwähnt habe ich dank Philippe Karl so gut wie keine Probleme mehr beim Anreiten und auch die Arbeit mit schwierigen Korrekturpferden verläuft wesentlich stressfreier. Bei Anlehnungsproblemen weiß ich nun einfach genau, welche Hilfe ich geben kann, um zu verhindern, dass das Pferd sich auf den Zügel legt oder sich hinter den Zügel verkriecht. Rückenprobleme sind z.B. oft dadurch zu lösen, dass man den Pferden unter anderem eine korrekte Dehnungshaltung vermittelt. Meine Anweisungen an das Pferd sind klarer und eindeutig. Die Kommunikation ist freier von Missverständnissen. Ich erkläre dem Pferd am Boden klar und deutlich die Lektion, wie zum Beispiel Travers in Einzelschritten. Ich sage ihm, ich wünsche die Schulter, hier, die Kruppe da, den Kopf in dieser Position. Hat das Pferd die Einzelschritte verstanden, setze ich sie zusammen und das Pferd versteht so die gesamte Lektion. Früher bin ich diese Lektionen auch alle geritten, aber der Weg dort hin war diffuser.

Mir liegt es fern, in der Legerete ein „Allheilmittel“ zu sehen. Vor allem ist es nicht einfach, die Lehren Philippe Karls auch wirklich gut umzusetzen. Allein das Bekenntnis „Ich reite nach Philippe Karl“ macht einen noch nicht zu einem guten Reiter. Auch in dieser Reitweise muss man sich stetig um gutes Reiten bemühen. Ein guter Sitz und feine Hilfen, daran müssen auch Reiter der Legerete arbeiten und um ständige Verbesserung bemüht sein. Vor allem das Halbwissen vieler Reiter bringt die Reitweise Philippe Karls in Verruf. So wird beispielsweise zu lange mit hoher Hand geritten oder der Kopf des Pferdes zu lange hoch eingestellt. Die so oft kritisierte hohe Kopfhaltung des Pferdes ist für Philippe Karl eine Position, die das Pferd kurzfristig zu Korrektur einnehmen soll, um seine Balance zu ändern – auf keinen Fall ein Dauerzustand. Gutes und Schlechtes Reiten gibt es aber in jeder Reitweise. Ich finde, keine Reitlehre hat das Recht, sich aufs „hohe Ross“ zu setzen und zu behaupten, im Alleinbesitz der wahren Lehre zu sein. Ich würde mich freuen, wenn Reiter nicht dogmatischer als der Papst wären. Meiner Meinung nach hat keine Reitlehre einen Anspruch auf Ausschließlichkeit. Die Ausbildungsskala, klassisch-barockes Gedankengut und die Schule der Legerete können sich wunderbar gegenseitig bereichern. Diese Bereicherung ist kein Selbstzweck, sondern kommt unseren Pferden zu Gute und würde ihnen so manches Leid ersparen. Wenn alle ihren Standpunkt etwas flexibler einnehmen, dann haben wir bald freie Sicht auf die Weite des Horizonts. Und davon profitieren letztendlich wir selbst genauso wie unsere Pferde. In diesem Sinne: Liebe Reiter, gebt eurer Neugierde Raum und probiert Unbekanntes, Befremdliches aus! Keine Chance der Engstirnigkeit!

Reiten statt Streiten

Ich möchte mich hiermit deutlich von dem "Scheidungskrieg", den Herr Karl und Herr Dr. Heuschmann leider öffentlich führen, distanzieren. Ich bedaure es sehr, dass die dafür benötigten Energien nicht zum Wohl der Pferde eingesetzt werden. Meiner Meinung nach könnte eine sachliche Diskussion über das Für und Wider verschiedener Ausbildungswege der Reiterei sogar sehr zugute kommen. Der Streit an sich hat sicherlich seine Gründe und Berechtigung, die Schärfe und das Austragen in der Öffentlichkeit finde ich hingegen völlig fehl am Platze. Der ”Ausbildungsmethode Herrn Karls” stimme ich nach wie vor vollkommen zu. Ich habe allerdings Verständnis für die Kritik, da ich, als mir die Methode noch nicht vertraut war, dieselben Punkte kritisiert habe. Ich hoffe, dass durch diese Diskussionsweise die leider ohnehin noch bestehenden Vorbehalte gegen die jeweils anderen Reitlehren nicht unüberwindbar groß werden.

Christiane Horstmann